Freitag, 10. Juli 2009

Kulturerhalt – Der Tragödie erster Teil

Zwecks Denkmalschutz sollte der Magister Goethe langsam aus dem Schuldienst genommen werden, damit sich der hehre Inhalt seiner Werke nicht durch die falsche Benutzung durch Rotznasen, denen ihre eigene Muttersprache eine Fremdsprache ist, abnutzt.
Und die Bedienungsanleitungen für die Ober- und Unterprimaten wie „Da ballt sich meine Faust“ sind ebenfalls unerwünscht – denn wer die Verse auseinander nimmt, weiß am Ende vielleicht gar nicht mehr wie sie ursprünglich standen und kann sie nicht mehr zusammensetzen.
Man sollte demnach die Altersfreigabe auf „ab 40“ hoch setzen, damit nur noch pseudo-intellektuelle Rotweinschlürfer mit Abo im Jazzlokal in den Genuss des „Faust“ kommen.
Denn um sich den Hauch von Bildung und einen intellektuellen Touch zu geben, darf natürlich Goethes „Faust“ nicht im – dank Putzhilfe und Co. - staubfreien Mahagoniregal fehlen. Wenn Sie zu dieser privilegierten Zielgruppe gehören, sollten Sie sich zunächst gut überlegen, wie man an dieses Meisterwerk überhaupt herangeht:

1. DAS Werk der deutschen Literatur muss einen ihm gebührenden Standort – beispielsweise auf rotem Samtkissen – erhalten. Es sollte möglichst kühl und trocken gelagert werden.
2. Der „Faust“ darf nur äußerst vorsichtig mit Baumwollhandschuhen angefasst werden, damit die Poesie nicht aus Versehen herausfällt oder auseinander bricht.
3. Ab und zu scheint es angemessen, die goldverzierte Sonderausgabe zumindest zu durchblättern, damit ein Besucher den Eindruck eines leidenschaftlichen Lesers erhält und vor Staunen fast geneigt ist, zu vermuten, man wäre mit dem Teufel im Bunde, solch ein Drama offensichtlich zu mögen.
4. Falls ein Banause es wagen sollte, Zitate zu missbrauchen, muss ihm klar gemacht werden – zur Not auch mithilfe eines Werthers -, dass das Aus-dem-Kontext-Reißen von Versen ein Frevel ist und das Reimschema sowie die Handlung dieses kulturellen Schatzes beschädigt.
5. Wenn Sie eine Übersetzung des „Faust“ auf Neudeutsch finden, melden sie es dem es der örtlichen Polizeidienststelle oder gleich dem BND - „Versmissbrauch“ und „tätlicher Angriff auf die Klassik“ müssen hart bestraft werden.
6. Ihre Freizeit können Sie mit Interpretationen zweifelhafter und mehrdeutiger Textstellen wie „und“, „Mann“ oder „Keller“ verbringen – allerdings sollte zu diesem Zweck eines der gelben Schülerfolternotizbücher benutzt werden, da die Worte hier nicht ganz so leicht verloren gehen können.
7. Wenn man es denn einmal wagt, mit dem Blick die pathetischen Verse Goethes zu streifen, muss man sich stets vor Augen halten, welches Privileg man genießt, das – wie deutlich erkennbar ist – Lebenswerk eines der bedeutendsten Dichter dieses Landes zu besitzen.
8. Sie müssen die unglaubliche Leistung Goethes schätzen lernen, ein solches vor Phantasie, Hochspannung – man achte übrigens darauf, keinen Schlag zu bekommen! – und Schmalz nur so triefendes Werk, noch vor Ende seines Lebens abschließen zu können.
Aber verlieren Sie bitte vor Aufregung nicht die Kontrolle über ihre Körperflüssigkeiten, die Tinte könnte verlaufen und die nicht-vorhandene Logik zerstören.
9. Sie dürfen sich gerne in Anbetung vor der hohen Kunst des dramatisch-tragischen Bühnenstückes verzücken, nur sollten zumindest gesetztere Herren es vermeiden, sich allzu sehr mit der Hauptperson zu identifizieren.
10. Sie können es nach dem Genuss eines wahren „Faust“ ruhig sein lassen, Ihre Faust auch noch um Teil 2, den „Rausch des Altertums“ zu schließen und damit das Kulturerbe zu belästigen – denn das Leben ist zwar recht lang, aber Fausts Joint-Apotheose ist länger.

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