Freitag, 14. Mai 2010

Shakespeare is not amused!

Falls Sie glauben, Bücher und deren Autoren beurteilen zu können, ohne je auch nur eine Zeile dieser Bücher gelesen zu haben, gibt es für Sie, außer auf amazon.de sinnlose Rezensionen zu erstellen, noch eine weitere Möglichkeit sich mit Unwissenheit aufzuplustern: füllen Sie Blogs mit ihrem empörten Geschwafel, äußern Sie sich in diesbezüglichen Diskussionen möglichst lautstark oder schleimen Sie Ihren Englisch-Lehrer voll!
"Ich habe Stolz und Vorurteil zwar nie gelesen (und es nebenbei bemerkt auch nicht vor, wissen Sie, ich lese nur Glamour und Cosmopolitan), aber ich denke, dennoch, dass Jane Austen hohes Kulturgut ist, und bestimmt auch spannend (also für Leute, die Bücher lesen)und naja, es ist ein Klassiker. Ist heutzutage schon noch lesenswert, wegen der kulturellen Aspekte und so..."
Aha. Nie gelesen, aber im Voraus alles wissen. 15 Punkte. Setzen.
Jedem Tierchen sein Plaisirchen und herzlichen Glückwunsch, kann man da nur sagen.
Glückwunsch, dass Sie es nicht gelesen haben und nicht beim Einschlafen über Ms. Bennets Irrungen und Wirrungen mit dem Kopf auf die Tischplatte gekracht sind.
Seltsamerweise ist es aber dennoch so, dass man, wenn man über ein Thema spricht, auch wenigstens etwas Ahnung haben sollte.
Ob das jetzt Nicht-Shakespeare-Leser-aber-very-important-Finder sind, für alles offene Deutschlehrerinnen, ignorante Kunstkritiker mit dem ästhetischen Empfinden einer faulen Banane oder allwissende Politiker*.
Die einen gehen nach oben genanntem Schema vor; die anderen finden eigentlich ebenfalls erstmal im Voraus alles toll und kleben vorsichtshalber jedem Büchlein erstmal den Sticker "potenzieller Klassiker" auf; die nächsten rümpfen die Nase über Graffiti und schwärmen gleichzeitig von der personifizierten Perversion Louise Bourgeois**; und letztgenannte glauben, Statistiken und Phoenix-Dokumentationen würden sie in die Lage versetzen, genau über das Leben und die Bedürfnisse eines Hartz-IV-Empfängers Bescheid zu wissen

Aber ich gebe zu, diese Schimpferei war unangebracht.

Ist ja nicht so, als könnte sich jemand, der seiner Anzüge nach Maß fertigen lässt und im Dienst-Porsche nach Italien cruist, sich nicht in die Situation eines Arbeitslosen am Existenzminimum versetzen.
Oder als wären nicht verdammt viele Lehrer Trottel.
Und als ob es nicht möglich wäre, sich vorzustellen wie man Hamlet fände, hätte man "den Roman" gelesen.
Naja, und es ist ja auch nicht so, als ob Theaterstücke wie sie Shakespeare oder Goethe schrieben als Theaterstück für eine Aufführung im Theater und nicht als Bettlektüre konzipiert wären.
Und die Erde ist ja auch eine Scheibe und Ankh-Morpork existiert tatsächlich.

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*Oder Leute, die eindeutig zu viele Adjektive gefressen haben und sie nicht mehr ausspucken.
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